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Sprechen mehrsprachige Kinder später?

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Kinder, die mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen, haben kein höheres Risiko für eine Sprachentwicklungsstörung. Bei ein- und mehrsprachigen Kindern ist sie gleich häufig, international bei 7 bis 8 von 100 Kindern. Eine echte Störung zeigt sich immer in allen Sprachen des Kindes. Fehlen nur Deutschkenntnisse, hilft Sprachförderung in Kita und Schule, keine Logopädie.

Kinder mit Sprachentwicklungsstörung
7 bis 8 Prozent
S3-Leitlinie Therapie von Sprachentwicklungsstörungen, Statement 23, AWMF 049-015, Stand 21. Dezember 2022
Auffällige Aussprache, nur Deutsch
19,8 Prozent
Neumann und andere 2011, zitiert in der S3-Leitlinie 049-015, Stand 21. Dezember 2022
Auffällige Aussprache, Deutsch als Zweitsprache
21,6 Prozent
Neumann und andere 2011, zitiert in der S3-Leitlinie 049-015, Stand 21. Dezember 2022
Eine Familie mit kleinem Kind und Großeltern sitzt beim Essen am Tisch und unterhält sich.
Ein Abendessen mit Eltern, Großeltern und Kind. Bild: KI generiert.

Warum Mehrsprachigkeit keine Sprachstörung auslöst

Die Leitlinie der Fachgesellschaften zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen ist hier eindeutig. Mehrsprachigkeit ist ein Gewinn, sie verursacht keine Sprachentwicklungsstörung und macht eine auch nicht wahrscheinlicher oder schlimmer. Alle 24 beteiligten Fachgesellschaften haben dem zugestimmt. Umgekehrt schützt es nicht, nur mit einer Sprache aufzuwachsen.

Deshalb sind bei ein- und mehrsprachigen Kindern gleich viele betroffen. International sind es 7 bis 8 Prozent. Auch bei der Aussprache gibt es kaum Unterschiede. In einer deutschen Untersuchung von 172 Kindern mit 4 bis 4,5 Jahren sprachen 19,8 Prozent der einsprachig deutschen Kinder auffällig. Bei Deutsch als Zweitsprache waren es 21,6 Prozent.

Was mehrsprachige Kinder häufiger haben, ist etwas anderes. Bei der Untersuchung vor der Einschulung können sie nach einer Studie von 2020 dreimal so oft nicht genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. Das liegt daran, wie viel Deutsch sie bisher gehört haben, nicht an einer Störung.

Warum ein Kind in einer Sprache besser ist

Kein mehrsprachiges Kind ist wie das andere. Schon der Beginn macht einen großen Unterschied. Lernt ein Kind von Geburt bis 3 Jahre mehrere Sprachen gleichzeitig, wächst es mit beiden auf. Kommt die zweite Sprache erst nach dem 3. Geburtstag dazu, hat das Kind in der ersten schon eine Grundlage.

Was den Sprachstand eines mehrsprachigen Kindes in jeder einzelnen Sprache beeinflusst.
EinflussWas dahinterstecktWas daraus folgt
Beginn der Sprachegleichzeitig von Geburt bis 3 Jahre oder nacheinander ab 3 JahrenDie Sprachen sind unterschiedlich weit
Wie viel das Kind hörtMonate mit der Sprache und Zahl der Menschen, die sie sprechenEine Sprache wächst dort schneller, wo sie häufiger vorkommt
Wie gut das Vorbild istMenschen, die die Sprache sicher sprechenEltern sollen die Sprache nutzen, in der sie sich sicher fühlen
Eigenes SprechenGelegenheiten, in denen das Kind selbst sprechen mussNur Zuhören reicht nicht
Geschwistervor allem ältere Geschwister bringen Deutsch in die FamilieDeutsch wird oft die stärkere Sprache
Einfluss der Sprachen aufeinanderAussprache, Wörter und Satzbau färben aufeinander abEs entstehen typische Muster, keine zufälligen Fehler

Daraus entsteht meist eine stärkere Sprache, in der das Kind mehr kann und die es öfter benutzt. Selbst wenn ein Kind beide Sprachen von Anfang an lernt, entwickeln sie sich nicht gleich schnell. Vergleicht man es nur in einer Sprache mit einsprachigen Kindern, schneidet es deshalb schlechter ab, als es ist.

Auch viele vermeintliche Fehler haben einen Grund. Kennt die erste Sprache eines Kindes keine Artikel wie der, die, das, wählt es im Deutschen oft den falschen. Das folgt einem Muster, das sich aus den beiden Sprachen ergibt, und gehört zum normalen mehrsprachigen Lernen.

Woran Sie eine echte Sprachentwicklungsstörung erkennen

Eine Sprachentwicklungsstörung zeigt sich bei mehrsprachigen Kindern immer in allen Sprachen. Von einer Störung gehen Fachleute aus, wenn das Kind in allen Sprachen schwächer ist als üblich, das nicht an den Umständen liegt und weitere Untersuchungen das bestätigen.

Daran hängt die Behandlung. Spricht ein Kind wenig Deutsch, weil es wenig Deutsch hört, braucht es keine Therapie, sondern mehr und bessere Gelegenheiten, Deutsch zu hören und zu sprechen. Ein Kind mit einer echten Störung braucht dagegen Logopädie. Von außen können beide ähnlich klingen.

  • Geprüft werden Verstehen, Sprechen und das Verarbeiten von Sprache, und zwar in allen Sprachen des Kindes.
  • Die Logopädin fragt, wann das Kind welche Sprache gelernt hat, wer in der Familie wie spricht und wo das Kind selbst spricht.
  • Spricht die Praxis die Familiensprache nicht, helfen Dolmetscher oder die Eltern.
  • In verschiedenen Sprachen können unterschiedliche Bereiche betroffen sein, etwa der Satzbau in der einen und Wortendungen in der anderen.
  • Vor allem anderen wird das Hören geprüft, wie bei einsprachigen Kindern auch.

Was bei wenig Deutsch statt Logopädie hilft

Fehlende Deutschkenntnisse sind kein Grund für ein Rezept. Wo eigentlich Förderung in Kita oder Schule nötig ist, darf die Ärztin keine Logopädie verschreiben, auch nicht ersatzweise, wenn es die Förderung nicht gibt. Die Fachleute empfehlen stattdessen Förderangebote und Sprachförderung im Kita- und Schulalltag.

Die Leitlinie unterscheidet drei Stufen. Sprachliche Bildung gilt für alle Kinder. Sprachförderung gilt für Kinder, denen wegen der Sprache Lernschwierigkeiten drohen. Beide setzen voraus, dass das Kind Sprache normal verarbeitet. Erst die dritte Stufe ist die Sprachtherapie für Kinder mit einer echten Störung. Ihnen hilft mehr Deutsch allein nicht.

Beratung zur Mehrsprachigkeit gehört zur Vorsorge. Von der U4 bis zur U9 berät die Kinderärztin dazu, wie Sie die deutsche Sprache und Ihre Familiensprache fördern, auch die Gebärdensprache. Bei U7a, U8 und U9 fragt sie, wie sich die Sprache entwickelt und ob andere Ihr Kind verstehen.

Warum mehrsprachige Kinder mit Störung zu selten Logopädie bekommen

Die Leitlinie warnt vor einem eigenen Risiko. Mehrsprachige Kinder mit einer echten Störung bekommen zu selten oder die falsche Therapie, weil ihre Probleme im Deutschen als normale Phase beim Lernen der Zweitsprache gelten. Erste Studien zeigen, dass sie deutlich seltener Sprachtherapie erhalten.

Die Folgen können groß sein: ein dauerhaft kleiner Wortschatz, Probleme mit der Grammatik, später mit Lesen, Schreiben und Textverständnis, dazu Folgen für Gefühle, Freundschaften und den Schulweg. Hören Sie, das komme von der Zweisprachigkeit und gebe sich von selbst, fragen Sie nach, worauf diese Einschätzung beruht.

  1. Schreiben Sie auf, wann Ihr Kind welche Sprache gelernt hat und seit wie vielen Monaten es die zweite Sprache hört.
  2. Notieren Sie, was Ihrem Kind in der Familiensprache schwerfällt, nicht nur im Deutschen.
  3. Fragen Sie in der Kita, was die Fachkräfte beobachten und welche Sprachförderung es dort gibt.
  4. Bringen Sie beides zur nächsten Vorsorgeuntersuchung mit.
  5. Bestehen Sie bei einem Verdacht auf eine Untersuchung in allen Sprachen, notfalls mit Dolmetscher.
  6. Lassen Sie das Hören prüfen.

Auf dem Rezept steht für ein Kind, das noch sprechen lernt, meist das Kürzel SP1. Darauf passen bis zu 10 Termine, als Richtwert für die Behandlung gelten bis zu 60. Kinder und Jugendliche zahlen nichts dazu. Die Punkte der Sprachentwicklung bei Kindern gelten für alle gleich, etwa mindestens 10 Wörter mit knapp 2 Jahren.

In welcher Sprache die Logopädie stattfindet

Logopädie wirkt auch, wenn sie nur auf Deutsch stattfindet. Die Methoden, die bei einsprachigen Kindern helfen, helfen auch bei mehrsprachigen. Das zeigen mehrere Studien.

Trotzdem sollen nach der Leitlinie alle Sprachen des Kindes einbezogen werden, wenn die Praxis das leisten kann. Das geht über eine Logopädin, die die Sprache spricht, über Dolmetscher oder über die Eltern. In einer Studie wurden zweisprachig behandelte Kinder in beiden Sprachen besser, einsprachig behandelte vor allem im Deutschen.

Ihr mehrsprachiges Kind spricht wenig oder anders. Was passt?

Fallen die Probleme auch in der Familiensprache auf, nicht nur im Deutschen?

Ja

Wurde die Sprache in allen Sprachen untersucht und das Hören geprüft?

Ja

Klären Sie mit der Praxis, wie Ihre Familiensprache in die Therapie einfließt, zum Beispiel über Ihre Mitarbeit in den Stunden.

Nein

Bitten Sie um eine Untersuchung in allen Sprachen. Ein Test nur auf Deutsch kann eine Störung nicht belegen.

Nein

Reicht das Deutsch Ihres Kindes für Kita oder Schule nicht aus?

Ja

Fragen Sie nach Sprachförderung in Kita oder Schule. Dafür gibt es kein Rezept, sondern Förderung.

Nein

Gehen Sie weiter zu den Vorsorgeuntersuchungen und nutzen Sie die Beratung dort. Unterschiedlich weit entwickelte Sprachen sind normal.

Fehlt eine Therapie in der Familiensprache, können Eltern einiges ausgleichen. In einer Elternberatung oder einem Elterntraining lernen sie, beim Sprechen nebenbei richtigzustellen und Bilderbücher gemeinsam zu besprechen. So hört das Kind mehr von der Familiensprache, ohne dass der Alltag sich künstlich anfühlt.

Häufige Fragen

Lernen mehrsprachige Kinder langsamer sprechen?

Mehrsprachige Kinder haben kein höheres Risiko für eine Sprachentwicklungsstörung. Ihre Sprachen entwickeln sich aber meist nicht gleich schnell, eine wird die stärkere. Vergleicht man ein mehrsprachiges Kind nur in einer Sprache mit einsprachigen Kindern, wirkt es deshalb langsamer, als es ist.

Woran erkennt man eine Sprachstörung bei einem mehrsprachigen Kind?

Eine Sprachstörung zeigt sich bei einem mehrsprachigen Kind in allen seinen Sprachen. Ist das Kind nur im Deutschen schwach, in der Familiensprache aber nicht, liegt meist keine Störung vor. Ein Test nur auf Deutsch kann eine Störung deshalb weder belegen noch ausschließen.

Zahlt die Krankenkasse Logopädie, wenn ein Kind schlecht Deutsch spricht?

Nein, wenn ein Kind nur schlecht Deutsch spricht, zahlt die Krankenkasse keine Logopädie. Dann hilft Sprachförderung in Kita oder Schule. Logopädie gibt es nur, wenn eine echte Sprachentwicklungsstörung vorliegt.

Sollen Eltern mit ihrem Kind nur noch Deutsch sprechen?

Nein, Eltern sollen mit ihrem Kind die Sprache sprechen, in der sie sich wohlfühlen. Nur so hört das Kind ein gutes Vorbild. Sprachen zu mischen ist in mehrsprachigen Familien normal.

Hilft Logopädie auf Deutsch, wenn die Familie eine andere Sprache spricht?

Ja, Logopädie hilft auch, wenn sie nur auf Deutsch stattfindet. Besser ist es, wenn die Familiensprache einbezogen wird, etwa über eine Logopädin mit dieser Sprache, Dolmetscher oder die Eltern. Dann wird das Kind oft in beiden Sprachen besser.

Quellen und Methodik

Quellen und Lizenzen

  1. S3-Leitlinie Therapie von Sprachentwicklungsstörungen, AWMF-Registernummer 049-015, Version 1.0, Stand 21. Dezember 2022, gültig bis 21. Dezember 2027, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), federführend Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie,
  2. Langfassung der S3-Leitlinie Therapie von Sprachentwicklungsstörungen, Kapitel 3.1.5 und 4.4 zu Mehrsprachigkeit mit den Statements 23 bis 26 und den Empfehlungen 42 bis 46, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF),
  3. Anmeldung der S3-Leitlinie Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (SES) unter Berücksichtigung umschriebener Sprachentwicklungsstörungen, Registernummer 049-006, angemeldet am 14. März 2022, geplante Fertigstellung 31. Dezember 2026, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF),
  4. Heilmittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses, Fassung vom 15. Mai 2025, § 6 Absatz 2 zu Verordnungsausschlüssen bei Kindern, Gemeinsamer Bundesausschuss,
  5. Heilmittelkatalog zur Heilmittel-Richtlinie, Diagnosegruppen SP1 und SP3, Gemeinsamer Bundesausschuss,
  6. Richtlinie über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern (Kinder-Richtlinie), §§ 6 bis 12 mit der Sprachberatung zur Förderung von deutscher Sprache und Muttersprache, Gemeinsamer Bundesausschuss,
  7. Mehrsprachig aufwachsen, Elterninformation zur Sprachentwicklung, Seite aktualisiert am 26. Februar 2026, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG),
  8. § 32 SGB V, Heilmittel, mit der Zuzahlungsregel für Versicherte ab 18 Jahren in Absatz 2, Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de,

Einsatz von Sprachmodellen

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Stand dieser Angaben: 3. Oktober 2026.