Was eine AVWS beim Kind ist
AVWS steht für auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung. Das Ohr Ihres Kindes nimmt den Schall normal auf, aber das Gehirn verarbeitet ihn nicht zuverlässig. Ihr Kind unterscheidet ähnliche Laute schlecht, versteht Sprache bei Lärm schlechter oder hört schlecht, woher ein Geräusch kommt. Auf dem Arztbrief steht dafür der Code F80.20.
Die ärztliche Leitlinie zur AVWS, die Behandlungsempfehlung der Fachgesellschaft, fasst den Begriff eng. Lassen sich die Probleme besser durch eine Aufmerksamkeitsstörung, allgemein schwächere geistige Fähigkeiten oder ein schwaches Gedächtnis erklären, ist es keine AVWS. Ein schwaches Kurzzeitgedächtnis für Gehörtes allein reicht ebenfalls nicht. Als deutliche Hinweise nennt die Leitlinie diese 5 Beobachtungen.
- Ihr Kind versteht schlecht, sobald Hintergrundgeräusche dazukommen, etwa in der Klasse oder auf dem Pausenhof.
- Schnell, leise oder undeutlich gesprochene Sprache versteht es deutlich schlechter als klare Sprache.
- Gesprochenen Anweisungen in der Klasse folgt es schwer, obwohl es die Wörter kennt.
- Ähnlich klingende Laute unterscheidet es unsicher.
- Es reagiert mal gut, mal schlecht auf Gehörtes, seine Aufmerksamkeit für Gesprochenes schwankt.
Wer eine AVWS beim Kind feststellen darf
Eine AVWS stellt nach der Leitlinie eine Fachärztin für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen fest. Das Fachgebiet heißt offiziell Phoniatrie und Pädaudiologie, und unter diesem Namen suchen Sie nach einer Praxis. Auch HNO-Ärzte mit besonderer Ausbildung und Erfahrung kommen infrage.
Ein kurzer Suchtest in Kita, Schule oder Logopädie-Praxis reicht für die Diagnose nicht. Auch eine reine Prüfung der Sprache oder ein Entwicklungstest genügt nach der Leitlinie nicht. Ein auffälliges Ergebnis in einem solchen Suchtest ist ein Grund für eine Überweisung, aber keine Diagnose.
Den Weg dorthin öffnet meist die Kinderarztpraxis oder die HNO-Praxis. Die Untersuchung zahlt die gesetzliche Krankenkasse. Fragen Sie die überweisende Praxis nach einer passenden Praxis oder Klinikabteilung in Ihrer Nähe.
Wie die Untersuchung auf AVWS abläuft
Einen einzelnen Test, der eine AVWS beweist, gibt es nicht. Die Fachleute haben sich auch nicht auf feste Mindestkriterien geeinigt. Die Diagnose ergibt sich deshalb aus mehreren Befunden zusammen, in diesen 5 Schritten.
- Vorgespräch. Die Ärztin fragt nach früheren Ohrenentzündungen, nach dem Hören und nach Auffälligkeiten in Kita und Schule, oft mit einem Fragebogen der Fachgesellschaft.
- Hörtest. Vor jedem weiteren Test muss feststehen, dass beide Ohren normal hören. Eine Schwerhörigkeit ist eine andere Diagnose.
- Intelligenz, Sprache und Aufmerksamkeit. Die Intelligenz, gemessen mit Aufgaben ohne Sprache, muss mindestens durchschnittlich sein, also ein IQ über 85. Sprachverständnis und Aufmerksamkeit werden mit genormten Tests eingeschätzt.
- Hörtests. Ihr Kind spricht Wörter im Störlärm nach, wiederholt sinnlose Silben, unterscheidet ähnliche Laute oder hört auf jedem Ohr ein anderes Wort.
- Abgleich. Die Ärztin prüft, ob die Ergebnisse die Beschwerden erklären, und beschreibt genau, was Ihrem Kind schwerfällt, statt nur AVWS zu notieren.
Für die Diagnose muss der Abstand deutlich sein. Die Ergebnisse der Hörtests sollen um 10, besser um 15 Punkte unter den Fähigkeiten liegen, die ohne Sprache gemessen wurden. Gemeint sind Punkte auf einer Testskala, deren Durchschnitt bei 50 liegt. Erst dieser Abstand zeigt eine besondere Schwäche beim Hören und nicht eine allgemein schwächere Leistung.
Ab welchem Alter sich eine AVWS feststellen lässt
Die Leitlinie hält es für möglich, dass auch jüngere Kinder betroffen sind. Für die Untersuchung empfiehlt sie trotzdem ein Mindestalter von etwa 7 Jahren. Der Grund liegt in den Tests. Bei jüngeren Kindern schwanken die Ergebnisse so stark, dass sich Kinder mit und ohne AVWS nicht sicher unterscheiden lassen.
Im zweiten Halbjahr der ersten Klasse kann eine Unterscheidung schon gelingen. Die Leitlinie rät dann aber zur Zurückhaltung, weil auch gesunde Kinder dieses Alters manche Tests nicht schaffen. Bestätigen lässt sich die Diagnose dann erst im weiteren Verlauf.
Wann es bei AVWS Logopädie auf Rezept gibt
Steht die AVWS fest, kann die Ärztin Logopädie verschreiben. Auf dem Rezept steht dann das Kürzel SP2, es steht für Störungen beim Verarbeiten von Gehörtem. Dazu gehören ein schlechtes Verstehen bei Störlärm und ein unsicheres Unterscheiden von Lauten. Verschreiben darf die Ärztin SP2 nur nach einer Untersuchung von Denken und Gedächtnis und nach Tests der Hörverarbeitung im Gehirn.
Unter SP2 passen bis zu 10 Termine auf ein Rezept, und der Richtwert für die ganze Behandlung liegt bei 20 Terminen. Steht eher eine Sprachentwicklungsstörung im Vordergrund, verschreibt die Ärztin SP1 mit einem Richtwert von 60 Terminen. Empfohlen sind 1 bis 3 Termine pro Woche. Die Kasse zahlt der Praxis je nach Dauer 57,06 Euro, 76,06 Euro oder 95,10 Euro, und Kinder unter 18 Jahren zahlen nichts dazu.
| Frage | SP2, AVWS | SP1, Sprachentwicklungsstörung |
|---|---|---|
| Wofür? | Verstehen bei Störlärm, Unterscheiden von Lauten | Wortschatz, Satzbau, Sprachverständnis |
| Was vorher nötig ist | Untersuchung von Denken und Gedächtnis, Tests der Hörverarbeitung | Ärztliche Diagnose |
| Termine je Rezept | bis zu 10 | bis zu 10 |
| Richtwert für die ganze Behandlung | 20 Termine | 60 Termine |
| Termine pro Woche | 1 bis 3 | 1 bis 3 |
| Preis für 30, 45 und 60 Minuten | 57,06 Euro, 76,06 Euro, 95,10 Euro | wie bei SP2 |
| Zuzahlung unter 18 Jahren | keine | keine |
Für eine Legasthenie zahlt die Krankenkasse dagegen keine Logopädie. Was dann hilft und wer zahlt, klärt die Frage Lerntherapie oder Logopädie.
Wie gut Logopädie bei AVWS wirkt, ist wenig untersucht. Eine Übersicht bis zum Jahr 2008 fand nur zwei Studien zur üblichen Sprachtherapie, und beide zeigten keinen klaren Unterschied zu unbehandelten Kindern. Eine andere Studie fand mehrmals tägliches Üben von etwa 8 Minuten besser als eine einzelne Stunde am Tag. Fragen Sie die Logopädin deshalb, woran sie Fortschritte misst und wie oft Sie zu Hause üben sollen.
Was in der Schule bei AVWS hilft
Die Leitlinie gibt für den Unterricht konkrete Tipps, die zu den Testergebnissen des einzelnen Kindes passen sollen. Der Grundgedanke ist einfach: Die Klasse soll dem Kind möglichst wenig Lärm zumuten, und das Kind soll das Gesicht der Lehrkraft sehen.
- Ein fester Sitzplatz, von dem aus Ihr Kind Gesicht und Mund der Lehrkraft sieht, weit weg von Fenstern, Beamer und unruhigen Mitschülern.
- Kein häufiger Platzwechsel, weil sich Kinder mit AVWS langsamer an neue Hörbedingungen gewöhnen.
- Blickkontakt und ein ruhiges Sprechtempo der Lehrkraft, mit etwas längeren Pausen.
- Kurze, einfache Anweisungen und vor wichtigen Aufträgen ein Zeichen, etwa der Name des Kindes.
- Ermutigung, nachzufragen, wenn Ihr Kind etwas nicht verstanden hat.
Die Leitlinie nennt außerdem Übertragungsanlagen. Dabei spricht die Lehrkraft in ein kleines Mikrofon, und ihre Stimme kommt direkt am Ohr Ihres Kindes an. Ob Ihr Kind in Prüfungen mehr Zeit oder andere Hilfen bekommt, regelt jedes Bundesland selbst.
Warum ein Hörtraining keine Legasthenie behandelt
AVWS und Legasthenie kommen bei manchen Kindern zusammen vor, sind aber nicht dasselbe. Die ärztliche Leitlinie zur Legasthenie rät mit ihrer stärksten Empfehlung davon ab, Kinder mit Legasthenie mit Übungen zum Hören zu fördern. Belege für einen Nutzen beim Lesen und Rechtschreiben fand sie nicht. Wirksam sind Übungen, die direkt beim Lesen und Schreiben ansetzen.
Hat Ihr Kind zusätzlich Probleme beim Lesen und Schreiben, lassen Sie eine Legasthenie feststellen. Das ist eine eigene Untersuchung, vor allem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Hat eine Fachärztin eine AVWS festgestellt?
Hat Ihr Kind auch eine festgestellte Legasthenie?
Beides braucht eigene Hilfe. Logopädie hilft beim Hören und bei der Sprache, für die Legasthenie braucht es Förderung beim Lesen und Schreiben selbst.
Die Ärztin kann Logopädie unter SP2 verschreiben. Besprechen Sie mit der Schule die Tipps der Leitlinie für den Unterricht.
Lassen Sie klären, was hinter den Problemen steckt. Infrage kommen schlechtes Hören, eine Sprachentwicklungsstörung, eine Aufmerksamkeitsstörung oder eine Legasthenie.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann eine AVWS festgestellt werden?
Eine AVWS lässt sich ab etwa 7 Jahren verlässlich feststellen. Bei jüngeren Kindern schwanken die Testergebnisse zu stark. Im zweiten Halbjahr der ersten Klasse ist eine Diagnose möglich, sie sollte dann aber zurückhaltend gestellt werden.
Welcher Arzt stellt eine AVWS fest?
Eine AVWS stellt eine Fachärztin für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen fest oder eine HNO-Ärztin mit besonderer Erfahrung. Ein kurzer Suchtest in Kita, Schule oder Logopädie-Praxis reicht für die Diagnose nicht. Den Weg dorthin öffnet meist die Kinderarztpraxis.
Zahlt die Krankenkasse Logopädie bei AVWS?
Ja, bei einer ärztlich festgestellten AVWS zahlt die Krankenkasse Logopädie auf Rezept. Vorher sind eine Untersuchung von Denken und Gedächtnis und Tests der Hörverarbeitung nötig. Kinder unter 18 Jahren zahlen nichts dazu.
Wie viele Logopädie-Termine gibt es bei AVWS?
Bei AVWS passen bis zu 10 Logopädie-Termine auf ein Rezept, und der Richtwert für die ganze Behandlung liegt bei 20 Terminen. Steht eine Sprachentwicklungsstörung im Vordergrund, liegt der Richtwert bei 60 Terminen. Braucht Ihr Kind mehr, kann die Ärztin weitere Rezepte schreiben.
Ist eine AVWS dasselbe wie eine Schwerhörigkeit?
Nein, bei einer AVWS hört das Kind im Hörtest normal, aber das Gehirn verarbeitet das Gehörte nicht zuverlässig. Bei einer Schwerhörigkeit nimmt schon das Ohr den Schall schlechter auf. Deshalb muss vor jeder Untersuchung auf AVWS feststehen, dass beide Ohren normal hören.
Hilft ein Hörtraining bei Legasthenie?
Nein, ein Hörtraining hilft nach der ärztlichen Leitlinie zur Legasthenie nicht beim Lesen und Rechtschreiben. Die Leitlinie rät mit ihrer stärksten Empfehlung davon ab. Wirksam sind Übungen, die direkt am Lesen und Schreiben ansetzen, etwa an der Zuordnung von Buchstaben und Lauten.
