Woran Sie eine Störung der Mundmuskeln erkennen
Bei einer myofunktionellen Störung arbeiten die Muskeln von Mund, Zunge und Gesicht nicht so zusammen, wie sie sollten. Das wichtigste Zeichen ist ein offener Mund in Ruhe. Die Zunge liegt dann nicht oben am Gaumen, sondern unten im Mund. Daran hängt vieles: Atmen, Kauen, Beißen, Schlucken, Sprechen und die Stimme.
Lippen und Zunge sind dabei eine echte Kraft. Von außen drücken Lippen und Wangen, von innen die Zunge, dazwischen liegen Zähne und Kiefer. Bleibt der Mund offen, gerät dieses Gleichgewicht durcheinander. Deshalb arbeiten Logopädie und Kieferorthopädie hier zusammen.
- Offener Mund in Ruhe: Die Lippen berühren sich nicht, die Lippen sind oft trocken, das Kinn ist angespannt.
- Das Kind atmet durch den Mund statt durch die Nase.
- Es meidet harte Nahrung, kaut mit offenem Mund oder nur auf einer Seite.
- Beim Schlucken drückt die Zunge nach vorn oder zur Seite gegen oder zwischen die Zähne.
- Es spricht undeutlich mit wenig Lippenbewegung, einzelne Laute klingen falsch, die Stimme klingt angestrengt.
- Die Zunge ist wenig beweglich, manchmal wegen eines zu kurzen Zungenbändchens.
Solche Auffälligkeiten sind häufig. Eine Untersuchung an 3.041 Kindern aus Rostock fand einen offenen Mund in Ruhe bei 39 Prozent der Kinder mit Milchzähnen und bei 43 Prozent während des Zahnwechsels. Bei 34 und 42 Prozent lag die Zunge in Ruhe nicht richtig. Was sich bei den Milchzähnen einschleift, nehmen Kinder in den Zahnwechsel mit.
Warum der Kieferorthopäde zur Logopädie schickt
Wie Muskeln arbeiten und wie Zähne stehen, hängt zusammen. Viele Studien zeigen, dass Kinder mit bestimmten Zahn- und Kieferfehlstellungen häufiger solche Muskelstörungen haben. Wie genau das zusammenwirkt, ist aber noch nicht ganz geklärt. So steht es in einer Stellungnahme der Fachgesellschaft der Kieferorthopäden.
In der Rostocker Untersuchung hatten Kinder mit vorstehenden oberen Schneidezähnen, offenem Biss, seitlichem Kreuzbiss oder vorstehendem Unterkiefer deutlich häufiger Muskelstörungen. Am besten untersucht ist die Atmung: Kann ein Kind im Wachstum schlecht durch die Nase atmen, beeinflusst das nachweislich, wie sich das Gesicht entwickelt, unter anderem in Richtung offener Biss.
Dazu kommt die Zeit. Mit dem Alter gleicht sich das nicht von selbst aus, im Gegenteil: Während des Zahnwechsels sind die Auffälligkeiten häufiger und stärker als bei den Milchzähnen. Wer darauf wartet, dass sich der offene Mund von selbst gibt, wartet nach den Daten auf etwas, das so nicht eintritt.
Was myofunktionelle Therapie nachweislich bringt
Bei der Wirkung ist Vorsicht angebracht. Eine Auswertung von 2014 suchte nach Studien darüber, ob myofunktionelle Therapie eine Zahnspange unterstützt. Von 355 Veröffentlichungen passten nur 4, und alle hatten Schwächen. Das Fazit: Es fehlt an guten Studien.
Eine neuere Auswertung von 2025 kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Von 24 Studien waren nur 4 so aufgebaut, dass sie die Wirkung sicher zeigen könnten, und keine erreichte die höchste Beweiskraft. Die Forschenden halten eine Wirkung bei Zahn- und Kieferfehlstellungen für denkbar, aber nicht bewiesen. Nach einer Operation am Kiefer sehen sie bessere Belege.
Auch die Kieferorthopäden sind vorsichtig. Ob Übungen allein eine Fehlstellung beheben, ist umstritten, und dass erst die Muskeln und dann die Zähne behandelt werden sollten, ließ sich nicht bestätigen. Ihre Stellungnahme stammt allerdings von 2008.
Daraus folgt eine realistische Erwartung, keine Ablehnung. Die Therapie übt Lippenschluss, Nasenatmung, Zungenlage und Schlucken, also Dinge, die man beobachten und trainieren kann. Dass sich dadurch Zähne verschieben oder eine Spange überflüssig wird, belegen die Studien nicht.
Wer myofunktionelle Therapie verschreibt
Für Zahnärzte und Kieferorthopäden gibt es eigene Regeln. Seit 2017 dürfen sie Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie verschreiben. Welches Kürzel auf dem Rezept steht, hängt davon ab, was gestört ist: die Mundfunktion, das Schlucken oder das Sprechen. Für alle vier Wege gelten dieselben Mengen: bis zu 10 Termine je Rezept, bis zu 30 Termine als Richtwert und 1 bis 3 Termine pro Woche.
| Kürzel | Gilt für | Wer verschreibt | Termine je Rezept, Richtwert |
|---|---|---|---|
| OFZ | Störungen der Mundfunktion ohne Sprechprobleme, etwa Mundatmung | Zahnarzt- oder Kieferorthopädiepraxis | bis zu 10, Richtwert bis zu 30 |
| SCZ | Störungen beim Schlucken, auch Zunge zwischen den Zähnen | Zahnarztpraxis | bis zu 10, Richtwert bis zu 30 |
| SPZ | Störungen beim Sprechen, etwa bei offenem Biss oder Lispeln | Zahnarztpraxis | bis zu 10, Richtwert bis zu 30 |
| SP3 | Aussprachestörung mit schwacher Mundmotorik | Kinderarzt- oder Hals-Nasen-Ohren-Praxis | bis zu 10, Richtwert bis zu 30 |
Für Erwachsene zahlt die Kasse die Therapie über OFZ nur selten. Sie gilt während des Wachstums und danach nur bei schweren Kieferfehlstellungen, die eine Operation und eine Spange zusammen erfordern. Dazu kommen Unfälle, Tumoroperationen und angeborene Fehlbildungen im Mund- und Kieferbereich.
Auch für das zahnärztliche Rezept gelten Fristen. Die Behandlung muss innerhalb von 28 Tagen nach dem Datum auf dem Rezept beginnen, bei Eilbedarf innerhalb von 14 Tagen. Eine Pause von mehr als 14 Tagen ohne Grund lässt das Rezept verfallen.
Was in der myofunktionellen Therapie geübt wird
Die Ziele sind klar: Die Muskeln sollen wieder richtig zusammenarbeiten. Dazu gehören kräftigere Lippen- und Zungenmuskeln, ein geschlossener Mund, Atmen durch die Nase und die richtige Lage der Zunge am Gaumen.
Ursachen klären
Atmet das Kind durch den Mund, prüft zuerst eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis die Nase. Ist sie verlegt, kann das Kind den Mund gar nicht dauerhaft schließen.
Spüren und kräftigen
Das Kind übt den Lippenschluss, stärkt die Zunge und lernt zu spüren, wo die Zunge am Gaumen liegen soll.
Neu schlucken lernen
Das Kind übt, mit der Zungenspitze am Gaumen und geschlossenen Zähnen zu schlucken, erst mit Wasser, später beim Essen.
Im Alltag festigen
Kurze tägliche Übungen zu Hause machen das neue Muster selbstverständlich. Die Praxis prüft in größeren Abständen, ob es auch unbeobachtet klappt.
Das tägliche Üben zu Hause ist der Kern. Ein Kind schluckt mehrere hundert Mal am Tag. Das Muster ändert sich nicht in der Praxis, sondern zwischen den Terminen. Mit 1 bis 3 Terminen pro Woche rechnet die Liste der Krankenkassen genau damit.
Was Eltern früh tun können
Der Logopädie-Verband nennt zwei Dinge, die vor jeder Therapie helfen. Feste Nahrung zum Kauen ab etwa dem 6. Lebensmonat hilft beim Umstellen vom Saugen auf das Kauen und trainiert die Muskeln. Und der Schnuller sollte sparsam eingesetzt werden, damit sich Lippenschluss und Zungenlage entwickeln können.
- Achten Sie darauf, ob der Mund Ihres Kindes in Ruhe offen steht, beim Spielen und im Schlaf.
- Beobachten Sie das Schlucken. Drückt die Zunge sichtbar gegen oder zwischen die Zähne, ist das ein Hinweis.
- Notieren Sie, ob Ihr Kind harte Nahrung meidet oder mit offenem Mund kaut.
- Lassen Sie bei Mundatmung, Schnarchen oder vielen Infekten die Nase in der Hals-Nasen-Ohren-Praxis prüfen.
- Sprechen Sie das Thema in der Kinderarzt- oder Kieferorthopädiepraxis an und fragen Sie nach einem Rezept.
- Beginnen Sie die Therapie innerhalb von 28 Tagen nach dem Datum auf dem Rezept.
- Planen Sie die tägliche Übungszeit zu Hause fest ein.
Eilig ist es, solange das Kind wächst. Die Auffälligkeiten nehmen vom Milchgebiss zum Zahnwechsel zu, und schlechte Nasenatmung beeinflusst das Gesicht. Beobachten Sie einen offenen Mund deshalb nicht jahrelang. Ein Rezept gibt es aber nur bei einer echten Störung, nicht für Übungen auf Verdacht. Wie sich Sprechen und Sprache insgesamt entwickeln, zeigt die Sprachentwicklung bei Kindern.
Häufige Fragen
Was ist eine myofunktionelle Störung bei Kindern?
Bei einer myofunktionellen Störung arbeiten die Muskeln von Mund, Zunge und Gesicht nicht richtig zusammen. Das wichtigste Zeichen ist ein offener Mund in Ruhe, bei dem die Zunge nicht am Gaumen liegt. Oft kommen Probleme beim Atmen, Kauen, Schlucken und Sprechen dazu.
Wer verschreibt myofunktionelle Therapie?
Myofunktionelle Therapie verschreibt meist die Zahnarzt- oder Kieferorthopädiepraxis. Ist auch die Aussprache betroffen, kann die Kinderarztpraxis Logopädie verschreiben. In beiden Fällen sind bis zu 10 Termine je Rezept möglich.
Zahlt die Krankenkasse myofunktionelle Therapie bei Erwachsenen?
Bei Erwachsenen zahlt die Krankenkasse myofunktionelle Therapie nur in Ausnahmefällen. Dazu gehören schwere Kieferfehlstellungen, die eine Operation erfordern, Unfälle, Tumoroperationen und angeborene Fehlbildungen im Mund- und Kieferbereich.
Hilft myofunktionelle Therapie gegen schiefe Zähne?
Ob myofunktionelle Therapie gegen schiefe Zähne hilft, ist nicht bewiesen. Die Studien dazu sind wenige und haben Schwächen. Belegt ist das Ziel der Therapie: ein geschlossener Mund, Atmen durch die Nase und richtiges Schlucken.
Warum soll ein Kind durch die Nase atmen statt durch den Mund?
Ein Kind soll durch die Nase atmen, weil schlechte Nasenatmung im Wachstum beeinflusst, wie sich das Gesicht entwickelt, etwa in Richtung offener Biss. Atmet Ihr Kind meist durch den Mund, lassen Sie zuerst die Nase in einer Hals-Nasen-Ohren-Praxis prüfen.
Wie viele Termine myofunktionelle Therapie gibt es auf Rezept?
Auf ein Rezept für myofunktionelle Therapie passen bis zu 10 Termine. Für die ganze Behandlung gelten bis zu 30 Termine als Richtwert, empfohlen sind 1 bis 3 Termine pro Woche. Der erste Termin muss innerhalb von 28 Tagen stattfinden.
